Verkehrte Welt über den Wolken: Trotz der 19:27 (8:14)-Niederlage im Final-Hinspiel des EHF-Cups bei S.D. Itxako war der begehrte Pokal im Laderaum der Fokker 100 fest verstaut, doch darüber zogen die Handball-Frauen des HC Leipzig im Charterflug XX0769 lange Gesichter. HCL-Manager Kay-Sven Hähner legte nach der enttäuschenden Leistung seiner Mädels gleich fest: «Anfassen dürfen die Spielerinnen den Pokal nicht, aber sehen. Wir wollen schon Begehrlichkeiten wecken, dass er nicht so leicht zu bekommen ist. Dafür müssen sie im Rückspiel was Außerordentliches leisten», sagte Hähner und betonte: «Diese Leistung war unterirdisch. Nicht eine Spielerin konnte ihr Niveau erreichen. Jetzt müssen wir auf das "Wunder von Leipzig" hoffen.»
In der Sporthalle «Pab. M. Tierra Estella-Lizarreria» in Estella nahe Pamplona begannen die Leipzigerinnen engagiert und ließen sich auch vom Lärm der 1600 Zuschauer nicht nervös machen. Doch die ersten drei Angriffe mussten unter enormen Druck abgeschlossen werden, da die Unparteiischen Peter Ljubic/Nenad Krstic völlig verfrüht den Arm wegen Zeitspiels hoben. Das slowenischen Paar wurde bekanntlich von Bundestrainer Heiner Brand mit erhobener Hand bei der WM in Kroatien nach einer deutlichen Fehlentscheidung an den Pranger gestellt.
«Da fehlte uns wohl der nötige Druck zum Tor», meinte Jung- Nationalspielerin Susann Müller dennoch selbstkritisch. Auch die Spanier waren nicht vom slowenischen Gespann überzeugt, Itxakos Trainer Martin Ambros holte sich gar in der Schlussminute noch eine Zeitstrafe ab. Von den erfahrenen Leistungsträgern bekam die wurfgewaltige Rückraumspielerin kaum Unterstützung und rieb sich daher an der gegnerischen Deckung auf: «In so einem Spiel muss eine Spielerin wie Karolina Kudlacz da sein, da muss sie mehr Verantwortung übernehmen», kritisierte Hähner, dessen Team nach zehn Minuten noch 5:4 führte.
Danach wurden die Leipzigerinnen wie ein Jungbulle in der Stierkampfarena vorgeführt. Itxako zog auf 8:5 davon, während der HCL zehn Minuten torlos blieb. «Wir haben wohl allein 15 Bälle übers Tor geworfen, wir kamen nicht mal zum Abschluss unserer Aktionen, das geht natürlich an die Nerven. In den vergangenen Wochen hatten wir solche Sachen immer wieder kompensieren können. Diesmal konnten wir das nicht wegstecken, plötzlich war keiner mehr da», sagte Nationaltorhüterin Katja Schülke, die nach dem Wechsel die ersten sechs Bälle der Spanierinnen parierte. Kurz vor Abpfiff wurde auch sie entnervt ausgewechselt. «Wir sind eine Mannschaft ohne Starspielerinnen, daher sind wir abhängig, dass das Team als eine Einheit auftritt und einige Spielerinnen ihr Niveau treffen - das hat heute gefehlt», meinte HCL-Trainer Heine Jensen, der mit seinen 32 Jahren selbst sein Final-Debüt gab. Vor allem die vielen Fehler nervten den Dänen: «Mein Gefühl so kurz nach dem Spiel sagt mir, dass unsere Chancenverwertung einfach nicht gut genug war.»
Insgesamt 31 technische Fehler und Fehlwürfe leistete sich der HCL in Spanien - zu viel für die einmalige Chance, nach 17 Jahren wieder einen Europapokal zu gewinnen. «Wir hatten nicht so viel zu verlieren vorher, aber jetzt haben wir gar nichts mehr zu verlieren», meinte Jensen, dessen Team in der Champions-League-Qualifikation im vergangenen Herbst noch 28:24 in Estella gewonnen hatte. Doch diesmal bekam es vor allem die agile Nely Carla Alberto, die neun Tore erzielte, nicht in den Griff.
Nun muss am nächsten Sonntag in der dann mit 6500 Zuschauern ausverkauften Arena Leipzig alles passen, damit das Unmögliche noch möglich gemacht wird. «Wir haben den Titelverteidiger Wolgograd mit zehn Toren geschlagen, warum sollen wir das nicht mit neun Toren auch gegen die Spanierinnen schaffen?», fragt Manager Hähner selbstbewusst. «Wir kennen unsere Stärken und wir glauben daran», meinte Schülke und beim Pokal bleibt es dabei: Nur gucken, nicht anfassen. «Wir wollen schon Begehrlichkeiten wecken, dass er nicht so leicht zu bekommen ist. Dafür müssen sie im Rückspiel was Außerordentliches leisten. Anfassen dürfen die Spielerinnen daher den Pokal nicht, aber sehen», verrät der Manager einen kleinen Motivationstrick.