Dessau. Unser alle Oberbürgermeister ist bislang nicht als Intimus der Handball-Szene auffällig geworden. In der Dessauer Anhalt Arena, schmucke Ausweichstätte des HCL beim packenden Champions-League-Spiel gegen Larvik, bewies Burkhard Jung ungeahnten Kennerblick. "Das wird nichts", orakelte der OBM beim Halbzeit-Rückstand von 10:11. "Larvik ist klasse, die sind blitzschnell." Am Ende hatten die blitzschnellen Norwegerinnen gegen einen bis in die letzten Züge wehrhaften HC Leipzig 23:20 gewonnen. Weil die Arena Leipzig anderweitig vergeben war, setzte gestern Mittag eine Völkerwanderung von Leipzig nach Dessau ein. Die HCL-Fans kamen in Bussen, PKWs, mit dem Zug - zum Anpfiff der Hauptrundenpartie war die kleine, aber feine Anhalt Arena mit 2 696 Zuschauern gut gefüllt, Die Voraussetzungen: Der in der Königsklasse seit langen Jahren unbeleckte Deutsche Meister empfing ein selbstgewisses norwegisches Topteam, das als Favorit auf den Champions-League-Titel gilt.
Das nennt man dann wohl ein ungleiches Duell. Um in die Reichweite einer Sensation zu kommen, musste der HCL individuelle Nachteile mit einem kollektiven Kraftakt ausgleichen. Gelang um ein, zwei Haare. Manager Kay-Sven Hähner lobte den nimmermüden Willen seiner Frauen ("super Einstellung"), freute sich über das Tollhaus Anhalt Arena ("grandiose Atmosphäre"), legte aber ungewohnt unverblümt den berühmten Finger in die nicht minder berühmte Wunde. "Wir wussten, dass alle am Limit spielen müssen, um einen Punkt oder sogar zwei Punkte zu holen. Das war leider nicht so." Ein einziges Törchen ist fürs polnische Ass Karolina Kudlacz natürlich zu wenig, auch Ania Rösler (2) und Susann Müller (4/2) kamen nicht wie erhofft zur Entfaltung. Wobei Bundestrainer Rainer Osmann zur Ehrenrettung der blutjungen Müller das Folgende beitrug: "Auf Susann hatten es die Norwegerinnen abgesehen, da gab es schon ein paar ruppige Fouls. Sie hatte es besonders schwer." Osmann hatte ein "interessantes Handballspiel" gesehen, war überrascht über die bis kurz vorm Abpfiff herrschende Spannung und den knappen Ausgang.
Dass Larvik die zwei geplanten Punkte holte und den rund 30-köpfigen Anhang beglückte, sei einer Eigenschaft geschuldet gewesen: "Die waren einfach abgezockter als der HCL." Apropos abgezockt, Spannung und knapper Ausgang: Der Auswahlcoach erinnerte an eine neuralgische Szene fünf Minuten vor dem Abpfiff. "Wenn Holmgren da den Ball fängt ..." Sara Holmgren stand völlig alleingelassen am Kreis, wurde angespielt, drehte sich, vergaß aber irgendwie den Ball. Wäre der Ausgleich für Leipzig gewesen. Hähner: "Dann wäre vielleicht noch etwas gegangen." Coach Jensen verzieh der untröstlichen Schwedin noch in der Umkleidekabine: "Wenn das in der ersten Halbzeit passiert, redet doch kein Mensch drüber." Zum Spielfilm: Anfängliche Führung plus aufkommende Euphorie waren schnell flöten. Larvik übernahm das Kommando, rieb sich aber an der bärenstarken Leipziger Defensive auf. Schmale elf Tore in einer Halbzeit - aus norwegischer Sicht eine dünnbrüstige Ausbeute. Nach dem Wechsel trafen die HCL-Frauen zunächst alles, nur nicht ins Tor. Quälend lange neun Minuten lang wartete der HCL-Anhang, schwanden die Hoffnungen auf eine Sensation. In dieser Phase hielt Torfrau Katja Schülke wie eine Göttin - und den HCL im Match. Nach Sara Holmgrens Lapsus bog das temporeiche und rustikale Match dann gewissermaßen in Richtung Norwegen ab.